Freitag, 16. Dezember 2016

Seid Ihr noch bei Euch?

Vielleicht liegt es daran dass man älter wird und man immer denk „ach früher war alles schöner“. Das trifft sicher nicht auf Alles zu aber doch … ich finde schon auch dass z. B. meine Kindheit wirklich schöner war. 

Diese Freiheit, das Gefühl den ganzen Tag draußen zu verbringen und mit Freunden unterwegs zu sein. 

Da gab es gar kein Handy … die Dinger die man Telefon nannte waren knallorange, tannengrün oder (sorry) durchfallbraun, hatten eine Drehscheibe und machten ein einfach unverkennbares Geräusch wenn sich die Scheibe zurück drehte. Und vor allem, die hingen mit einem Kabel in der Steckdose und es war schon Luxus wenn man die lange Kabelvariante hatte, die bis ins Kinderzimmer reichte. Super war dabei auch die Annahme eines Telefonats (nachdem man den Ansatz eines Herzinfarkts aufgrund des Klingelns überstanden hatte) bei dem das Gegenüber das Gespräch mit den Worten "Bist Du daheim" startete.

War es bei meinem Sohn noch Nintendo DS sind es jetzt die Smartphones, die unsere Kinder so anders aufwachsen lassen. Da sitzen dann drei Kinder nebeneinander, spielen auf ihrem Handy, schreiben sich wahrscheinlich noch whatsapp Nachrichten aber jeder schön in seiner eigenen Welt.

Früher hätte man Angst bekommen und sein Kind auf Authismus oder eine ähnliche Erkrankung untersuchen lassen, heute ist das „normal“. 

Auch ich habe meinem Sohn vor ca. 8 Jahren (er ist heute 20) vorgeschlagen doch mal „Siedler  von Catan“ zu spielen. Erste Frage „Was, das haben wir? Fürn Computer?“. Neeeee, mit so nem Brett und Spielsteinen und lesen kannst ja auch, deshalb die Spielanleitung.  Äh ja … er hat es nicht gespielt aber zumindest ist er dann raus Fußball spielen
.
Ich selbst habe als Kind stapelweise Bücher aus der Bücherei geholt und die Hälfte meiner Sommerferien mit Lesen gebracht. Mein Sohn ist bei Harry Potter nicht über Seite 20 hinaus gekommen.
Da fragt man sich schon, was man hätte anders machen können. Wenn ich mich aber daran zurück erinnere wie es bei ihm als Kleinkind war, denke ich gar nichts. Er hatte viele Bücher, ich hab ihm jeden Tag vorgelesen, wir haben viel gepuzzelt und gebaut … also von daher … der Vorsatz und Versuch war zumindest vorhanden.

Mal abgesehen von unseren Kindern verändern wir uns natürlich auch. Wir „gehen mit der Zeit“. Wir lassen uns genauso einfangen von Smartphones, ständiger Erreichbarkeit und durchgängiger Fotomacherei. Wir sind auf facebook und instagram, snapchat usw. wird dann mit 5 Videos hintereinander ausgereizt (verschwinden ja eh bald wieder), wir zeigen unser Abendessen und die neuesten Schuhe, wir lesen gerne bei anderen und natürlich wissen wir alle dass das eben nur Bilder (zumindest meinen wir es zu wissen) sind. Ob nebendran der Angetraute aufm Pott sitzt und das Kind die weiße Ledercouch mit Edding bemalt hat, weiß kein Mensch.

Wir werden manipuliert denn wir können sicher sein, einmal nach ZUM BEISPIEL einem pinken Lederutensil (lässt sich auch durch Einhorn, Wasserflasche, Slip usw. beliebig ersetzen) gesucht, bekommt man mit Sicherheit auf allen Plattformen dieses Teil für die nächsten 97 Wochen angezeigt. 

Dieser Einfluss ist nicht zu unterschätzen. Wie klein wird unsere Welt, wie sehr begrenzt das unseren Horizont, wie soll man noch etwas Neues entdecken? Wie sehr werden wir durch Fakemeldungen und andere Meldungen z. B. zu Gewalttaten oder Wahlen beeinflusst?

Können wir noch differenzieren was ist Fake und was ist real? Stumpfen wir ab oder erhalten wir uns die Fähigkeit Schicksale als wirklich vorhanden zu erkennen? Wir freuen uns auf Weihnachten, in Aleppo sterben Kinder. Ja, überall auf der Erde, aber trifft es uns noch?

Ich finde das tatsächlich bedenklich.

Wir sind vermeintlich so weit entwickelt aber was macht das mit uns?

Ich für mich merke dass ich mit einer Erwartungshaltung durchs Leben gehe. Ein Arzt soll mir, am besten sofort, sagen können was Sache ist. Natürlich möglichst so, dass es wenig Einfluss auf mein bisheriges Leben hat.Wir lassen uns einreden dass es für jeden Käse eine Vorsorgeuntersuchung gibt ("Frau ..., also Sie sind jetzt über 40, da sollte man das schon mal machen" ... oh danke auch, war mir nicht bewusst, dachte ich mit 25 aber okeeeee, bevor ich was übersehe) und man sollte auch möglichst alles machen (letztens eine Glaukomvorsorge die mich, für zweimal ins Auge pusten, 20,- Euro gekostet hat).

Versteht mich nicht falsch, ich spreche nicht von Standardvorsorge, die ist WICHTIG UND RICHTIG! Aber es wird mit unseren Ängsten und unserem Kontrollbedürfnis richtig gut Geld gemacht.

Eltern verkommen zu den sogenannten „Helikoptereltern“ (ich finde den Begriff blöd aber er passt), es wird einem suggeriert dass man immer und zu jeder Minute wissen muss was Sache ist. Wo ist mein Kind, was macht es gerade, was ist in meinem Körper los und wie kann ich was möglichst vermeiden damit ich gesund bin und bleibe? KONTROLLE, das ist es was wir haben möchten, immer und überall und wenn das einmal nicht möglich ist? Dann bekommen wir Angst.
 
Wir sind kaum mehr in der Lage einen Spaziergang zu genießen weil wir alle 5 Meter das Handy vor die eigene Nase halten und Fotos machen. Mal abgesehen davon dass ich immer wieder feststelle dass die Fotos anders aussehen, als ich sie wahrnehme (z. B. bei einem Sonnenuntergang) bleiben sie mir auch nicht so im Gedächtnis.

Es wird alles „festgehalten“ aber wo bleibt unser Kopf? Unsere Fantasie? Unsere Wahrnehmung und unsere Erinnerung? 

Ich weiß auch heute noch wie meine Oma aussah, obwohl sie bereits 22 Jahre nicht mehr bei uns ist, ich kann mich an meine Kinderzimmertapete erinnern, ich habe den Strand von Korsika vor meinem inneren Auge (denn damals hatten wir eine Digitalkamera die nach 30 Minuten leere Batterien hatte). Die Liste lässt sich endlos weiter führen.

All das, diese wahnsinnigen Errungenschaften, diese Weiterentwicklung, das Neue und Moderne, bringt uns immer weiter von UNS SELBST weg.

Vertrauen wir noch auf unser  Bauchgefühl?
Haben wir neben all der Kontrolle noch ein Gefühl für Leichtigkeit, Unbeschwertheit, Freiheit?

Nehmen wir die Natur, unsere Mitmenschen und Gefühle noch so wahr, wie sie wirklich sind oder schaffen wir uns das Abbild einer Illusion? Ich glaube ja. 

Früher war man ein einem Konzert, hat ein Foto gemacht (auf dem eh keine Sau was erkennen konnte) und ist danach voll von der Musik oder der Darbietung nach Hause gefahren. Man hat sich daran erfreut und sich gern daran erinnert. Heute scrollt man durch den Fotoorder, überlegt, löschen, ja – nein und weiter geht’s. Noch mehr, nochmal klick, nochmal das Essen, nochmal das Buch, die Schuhe usw.

Wie schon gesagt … ich bin da nicht anders aber ich merke dass ich eins vermisse.

Die Nähe zu mir selbst, das Vertrauen in mich und mein Empfinden und Menschen denen ich in die Augen und nicht auf die Rückseite deren Handys schauen kann. Die Gewissheit dass alles gut gehen wird, egal ob mit Hürden oder ohne, das Fühlen was gut für mich ist. Tatsächlich glaube ich dass wir das wieder lernen müssen und finde das unglaublich traurig und auch schwer.

Vielleicht ist die Zeit jetzt ein guter Anfang. Schauen wir uns doch einfach mal wieder in die Augen, versuchen wir in unser Innerstes zu hören und auf uns zu vertrauen und vielleicht … finden wir uns selbst auch mal wieder, sagen Hallo, umarmen uns und freuen uns über die einfach hervorragende Gesellschaft ;-).

Alle Liebe

Eure

Mimi

Kommentare:

  1. Hallo, meine Liebe,
    ich stimme Dir komplett zu.
    Deshalb freu ich mich jedes Mal wie Bolle auf unsere Treffen und dann sind sie im Flug vorbei und Auge in Auge gabs nur beim ersten Mal, weil wir 2 da allein waren.
    Also bleibt uns nur Telefon und WhatsApp....hhmm.
    Müssen uns wohl öfter allein treffen;-)
    Ich drück Dich
    Deine Barbara

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  2. So schön geschrieben.....und du hast so recht...mir fällt auf das i weniger telefoniere..weil bei watze es einfach schneller geht...das gibt mir auch zu denken...auch wenn man weniger zeit hat sollte doch ein Gespräch wertvoller sein als ein Smile...danke für den Gedanken Anstoß

    Wünsch da no ah scheeene Weihnachtszeit
    Bussaaalleeee bis bald de Birgit

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  3. So wahre Worte, liebe Mimi!

    Ich erkenne mich in vielem wieder und frage mich auf oft, ob nicht mehr Fluch als Segen hinter all den "Errungenschaften" steht. Auch da hoffe ich, auf ein zurückbeSINNen und ein INNEhalten....

    Dir noch ganz schöne Feiertage!
    Nora

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  4. Liebe Mimi, wie wahr Deine Worte doch sind! Unser Fortschritt ist toll und erschreckend zugleich... Manchmal bekomme ich echt Angst, wohin uns das alles noch führen wird?
    Ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr und alles Liebe,
    viele Grüsse Bea

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