Donnerstag, 5. November 2015

Das Leid hat viele Gesichter

Macht uns das Leid der Einen, blind für das Elend Anderer?

Ich bin jemand, der aus Überzeugung sagt in Deutschland muss niemand auf der Strasse leben. Aber gibt es nicht Lebensumstände die diese, meine Wahrheit anders aussehen lässt?

Was mich so nachdenklich macht war der Anblick eines Obdachlosen heute morgen am Bahnhof meines Heimatortes. Er lag, tief schlafend auf dem nackten Betonboden. Sein Kopf hatte er auf den Körper seines Begleiters, einem großen, zotteligen Hund gelegt, der ebenfalls tief und fest zu schlafen schien.

Hier gibt es keine Obdachlosenunterkunft, die Wärmestube hat an 6 Tagen die Woche geöffnet aber nicht nachts. Wer weiß was der Alkohol aus einem Menschen machen kann, weiß dass es eine Krankheit ist, dass die einfachsten Dinge nicht machbar oder egal geworden sind.

Mich hat dieser Anblick und ein Gespräch mit einer Person, die selbst hierher nach Deutschland gekommen ist und sich alles selbst erkämpfen musste, sehr nachdenklich gestimmt. Die nun auch helfen möchte weil "Kinder ein Wunder sind", egal woher sie kommen und warum.

Auch ich sehe das so, möchte möglichst unpolitisch bleiben, stelle mir jetzt aber viele Fragen.

Wäre ich auch in eine andere Einrichtung gegangen und hätte mich dort um eine Freizeitgestaltung bemüht?

Bin auch ich "der Gutmensch" der erst jetzt angesprungen ist?

Was ich sicher sagen kann, der Antrieb der mich dazu gebracht hat, hat mich verändert. Hat meine Hemmschwelle jemanden anzusprechen und ein Gespräch zu führen herab gesetzt. Lässt mich Barrieren überschreiten die ich früher sicher stärker hatte. Lässt mich weniger darüber nachdenken was andere von mir denken und schneller handeln.

Heute bin ich in einer Lebenssituation in der ich mir ab und an die Zeit nehmen kann, da zu sein. Für jemanden, mit jemanden, für ein Gespräch, für eine Geste.

Vieleicht fragen sich jetzt Einige was ich damit sagen möchte. Eigentlich nicht viel, nur was mich bewegt.

War dieser Mann mit Hund, der wahrscheinlich um einiges älter aussieht als er ist, nicht auch mal ein Kind? Das nichts für seine Herkunft und seinen Lebensverlauf konnte?

Warum nimmt man so etwas eher hin, als das Schicksal anderer Menschen? Weil es "normaler" ist? Ich weiß es nicht.

Ich möchte hier nichts miteinander vergleichen. Möchte nicht das eine Leid gegen das andere aufwiegen. Aber ich möchte offen bleiben, hinsehen nicht weg sehen, egal um wen es geht.

Gutmensch? Scheiß drauf.
Schlechtes Gewissen?  Vielleicht.

Eure
Mimi

Kommentare:

  1. Wie weit sind wir gekommen, das das Wort "Gutmensch" als Schimpfwort gilt?

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  2. Ein wirklilch sehr schöner Post..... ich sammle gerade meine Erfahrungen
    als Asylhelfer bei uns im Ort und werde da am Wochenede einen Post
    schreiben - Du hast so recht, wir müssen hinsehen, egal ob bei Obdachlosen
    oder Flüchtlingen. Wo bleibt hier der Sozialstaat?
    Glg Christiane

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  3. Ein schlechtes Gewissen darfst du nicht haben!
    Das einzige was zählt ist das Hinsehen, und das machst du, das ist großartig!
    Liebe Grüße, Angela

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